Festival in Kairo

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Cornelia Bergler Dienstag, 30. Juli 2013 von Cornelia Bergler

Kairo 20. bis 27.06.2013

Glitzer, Glamour, Eitelkeit – so lässt es sich am besten umschreiben, das größte und einzigste ägyptischen Bellydance-Festivals: Ahlan wa Sahlan

„Ahlan wa Sahlan“ Herzlich Willkommen, begrüßt uns Dr. Mo Gedawy, gegen 22 Uhr bei der Opening Gala im „Mena House“ Hotel, bei der sich rund 750 Tänzerinnen und Tänzer aus aller Welt tummeln.
Sogleich ruft er die anwesenden Nationen an: Japan, Korea, Taiwan, China, Kolumbien, Argentinien, Russland! Jedes Mal begleitet von Jubel und brausendem Applaus. Jede Gruppe wird von einer „großen Lehrerin“ angeführt. Sie geben während der Festivalwoche Workshops. So sammelt Frau Choreografien, die sie zwar aufführen dürfte, aber wohl kaum aufführen wird.

Was können wir uns schon merken nach zwei, drei Stunden hastig einstudierter vier Minuten Choreografie? Und wie mühsam ist es ein selbstgedrehtes vierminütiges Handyvideo zu analysieren? Ganz zu schweigen davon, dass die wenigsten Trainerinnen die Musik dabei haben, also auch nicht weitergeben können … oft ist auch der Künstler unbekannt.

Aber es ist auch Europa vertreten. Italien wird ausgerufen. Jubel! Frankreich, Großbritannien … Stille! Dr. Mo schaut peinlich berührt, da hat ihn schon ein junges Mädchen erreicht. Sie stammelt ins Mikrofon:“ México también está aquí!”. Ganz allein steht sie am Bühnenrand und winkt ins Publikum. Fast meint man sie hat vergessen ihre Kniestrümpfe hoch zu ziehen, so kindlich, schüchtern und verlassen wirkt sie, auf diesem Festival, bei dem sich jede nur für sich selbst interessiert. Kaum schenkt Frau Aufmerksamkeit den Tänzerinnen, die allabendlich auf der Wettbewerbsbühne ihr Bestes geben, um uns zu unterhalten und vielleicht ihre Hoffnungen erfüllt zu sehen, einen Platz unter den ersten 10 zu erreichen. Bellydancerinnen tun sich schwer mit der Fairness. Hier ist sich jede selbst die Nächste. Vor allem diejenigen, die es nicht können: Bauchtanz! Die ihre Technik perfekt, aber seelenlos runter tanzen.

Da ruft Dr. Mo fragend „Germany“ in den Saal. Und tatsächlich erheben sich vier Stimmen und versuchen den nicht abschwellenden Lärmpegel zu überbrüllen. Zwei Berlinerinnen, Tanja, meine Tanzkollegin, und ich. Aber es ist noch jemand aus Deutschland da: keine geringere als Leyla Jouvanna und ihr „drumming husband“ Roland. Es gibt Tänzerinnen, die brauchen keine Botox aufgespritzten Lippen um Ausstrahlung auf die Bühne zu bringen. Sie müssen sich auch nicht in zu knappe Kostüme zwängen, so dass die aufgepolsterte Silikonbüste kaum ins Oberteil passt, und Rockschlitze nicht nur Bein zeigen. Nein, Leyla steht auf der Bühne und ein Strahlen flutet den Saal. Dieses Lächeln ist unnachahmlich. Die pure Lebensfreude, es scheint sie wird schwerelos im Tanz. Vermessen anzunehmen man könnte die weltweit erfolgreiche „Shimmy-Queen“ nachahmen.

Und so wirken wir Workshop Teilnehmerinnen dann auch eher wie Bäuerinnen, die Wäsche aufhängen, während der deutsche Superstar mit Schalk in den Augen erklärt: “Try like a virgin!“, und dabei ihren Körper so unschuldig in die Höhe schlängelt, und die Arme so spielerisch über den Kopf nimmt, dass das auch noch umwerfend aussähe, wäre sie mit einem Kartoffelsack bekleidet. Roland, ihr „drumming husband“ spielt dazu die Tabla. Sei es auf der Bühne für Leylas Tanz, oder im Workshop für uns Teilnehmerinnen. Hier so rein und einfach, dass auch wir dem Rhythmus folgen können, dort dann virtuos und furios. In seinen Händen ruhen wohl alle Nordafrikanischen Rhythmen, findet der Nahe Osten Ausdruck und grüßt Südamerika. Ein wunderbares Künstlerehepaar, unkompliziert, herzlich und voller Können.

Dann steht Raqia Hassan auf der Bühne, die „Chefin“ des Festivals. In der Szene verehrt als die Mutter des ägyptischen Stils. 65jährig blickt sie auf eine große Karriere als Tänzerin, Choreografin und Lehrerin zurück; und jetzt auf ihr internationales Publikum. Die Diva, die nicht so wirkt, in Ihrem schlichten Outfit – eher als würde sie gleich mit dem Training beginnen wollen, anstatt ein Weltpublikum zu begrüßen – ruft uns ebenfalls „Ahlan wa Sahlan“ zu. Frenetischer Applaus. Wir sollen den Abend genießen an dem uns die großen Stars der ägyptischen Tanzszene verzaubern: Dina, Sorraya, Aziza of Cairo, Katia ….

Wir sehen und staunen, über den ägyptischen Purismus. Während wir in Europa, raumgreifende Schrittkombinationen und Drehungen in unseren Orientalischen Tanz einbauen, sieht Frau hier schlängelnde und erzitternde Hüften überwiegend an einem Platz getanzt. Die Arme geöffnet in großen Gesten.

Und während Anfängerinnen verführt sind, die Liedtexte mit zu singen, finden wir hier das wieder was uns den Tanz so nahebringt: Mimik und Gestik die erklärt, dass es um Liebe, Glück, Schmerz, Sehnsucht, Heimat und Lebenslust geht.

Dr. Mo´s Moderation neigt sich dem Ende zu. Es war ein praller Abend, an Bewegung, Haut und Farben. Und auch für die Ohren. Die Musik ist schier unerträglich laut, so dass sich alle Instrumente in einer Kakophonie vereinen. Dazu hat jede Tänzerin Ihr eigenes Orchester. An sich wunderbar, aber ägyptische Organisation lehrt und das Fürchten: Nach 10 Minuten Tanz, erhebt sich das Orchester bestehend aus rund 15 Männern, ergreift die Instrumente und ist im Begriff die Bühne zu verlassen. Während dessen bemüht sich das folgende Orchester, ebenfalls um die 15 Männer, mit Ihren Instrumenten die Plätze auf der Bühne einzunehmen. Auf rund 50qm entsteht ein großes Tohuwabohu. Instrumente stoßen aneinander, begleitet von gereiztem Geschrei, Kabel entwickeln sich zu Stolperfallen. Das Stimmen der Instrumente hat den Saal fest im Griff. Die Technik versucht hinter her zu kommen und das durchdringende Fiepen weg zu regeln.

Gute 20 Minuten nimmt das Schauspiel jedes Mal in Anspruch. Das Spektakel zerrt an den Nerven, nach drei Tänzerinnen ist es bereits 24 Uhr … und da die Beleuchtungstechnik hinter der Bühne angebracht ist, und von dort die Tänzerinnen ausgeleuchtet werden, ist es nicht zu vermeiden, dass bei der Neuausrichtung das Publikum mit einer gehörigen Portion gleißendem Licht bedacht wird.

Aber wir bekommen eine Pause. Endlich wird das Dinner eröffnet. Und da alle hier verdammt hungrig sind, beginnt der Sturm auf das Galabuffet. Reinhardt Mey´s „Die heiße Schlacht am kalten Buffet“ hat sich verstofflicht. Auch Tanja und ich stürmen mit und erwischen einen Hühnerflügel und einen lieblosen Klacks Gemüse.

Das Mena House Hotel, am Ende der Pyramid Road, ist ein prächtiges Gebäude. Das frühere Jagd Gut des osmanischen Vizekönigs wurde 1886 als Hotel eröffnet. Seitdem haben hier Größen aus Politik und Kunst logiert. Darunter: der Prince of Wales (1889), Winston Churchill (mehrfach, ab 1914), der ägyptische König Faruk, Präsident Richard Nixon (1974, 1979). Auch Agatha Christie, Roger Moore, Charlton Heston, Frank Sinatra und Charlie Chaplin waren Gäste des Hauses.

Hier schweben wir auf dicken Teppichen an goldvertäfelten Wänden vorbei; marmorne Treppen, Blumen zu Träumen arrangiert, Erker in denen hohe Fenster einen atemberaubenden Blick auf die Pyramiden eröffnen, kristallenen Kronleuchter; 500 qm große Säle mit roten Seidentapeten geschmückt, großzügige Aufenthaltsbereiche, dekoriert mit Gemälden ehemaliger Sultane und Sultaninnen, laden zum Verweilen ein; in schweren Sesseln genießen wir mit Kardamom gewürzten ägyptischen Mokka; Kellner eilen lautlos herbei, und lesen uns jeden Wunsch – noch bevor wir ihn selbst ahnen - von den Augen ab.

Nur das Festivalbüro befindet sich in einem Raum, der wohl eher den Ausmaßen einer Besenkammer des Mena House entsprechen dürfte. Ein Schlauch, in dem sich fünf Herren hinter ihren Computern in Sicherheit bringen. Davor drängen sich die Festivalteilnehmerinnen, um sich bei den Workshops anzumelden. Arabisch mischt sich mit den Sprachen der Welt. Immer lauter muss Frau werden, und sich mit Ellenbogen und fauchend den einen Platz bei dem einen Herrn zu erkämpfen, welcher für die Anmeldungen zuständig ist, während von hinten ganzen Trauben von Tänzerinnen in den „Schlauch“ drängen.

Tanja und ich sind an der Reihe, Verwirrung: Wir beide sind gar nicht registriert! Also dürften wir auch gar nicht in Kairo sein. Gott sei Dank hilft mir meine deutsche Akribie. Ich habe alle Emails rund um die Anmeldung bei mir, und kann belegen, dass Tanja und ich existieren. Ein Strahlen erscheint auf dem ägyptischen Gesicht, ein Name ist gefunden: Essam, der sogleich zu Hilfe eilt. Zurück an die Rezeption, wir müssen erst das Hotelzimmer bezahlen, und anders als alle anderen Teilnehmerinnen haben wir das an der Rezeption zu machen und nicht im Festivalbüro.

Dann eilen wir zurück mit allen Belegen. Palaver folgt, wir sollen unseren Reisepass vorzeigen, der natürlich im Hotelsafe liegt. Außerdem haben wir nun unseren Platz für die Workshop Anmeldung in der 5ten Position verloren, und müssen uns wieder hinten anstellen an der x-ten Stelle.

Ägyptische Organisation ist tatsächlich nur aus der Ferne amüsant! Mein deutsch sein geht mit mir durch … doch Tanja beruhigt mich, zieht mich weg vom Festivalbüro in einen der schweren Sessel, und wir tun das, was hier überall selbstverständlich erlaubt, aber unter Tänzerinnen absolut tabu ist: wir genießen Zigaretten.

Gold und Pracht, was für ein Rahmen für das Spektakel der Weiblichkeit. Kühles Halbdunkel umfängt uns mit Ruhe und königlicher Behaglichkeit.

Wie in diesem wunderbaren ägyptischen Restaurant, welches wir uns jeden Abend gönnen. Tanja und ich beobachten aus einem Panoramafenster die im Sonnenuntergang gleißende Cheops - Pyramide, und lassen uns herrliche ägyptische Speisen servieren. Ein Fest für die Sinne, dem wir uns durchaus mit schadenfrohem Genuss hingeben. Denn wenn Frau kein „Worldwide famous Bellydance Star“ werden will, und sich fern ab vom gültigen Schönheitsideal auch mit ihren Abweichungen von Kopf bis Fuß schön findet, dann kann sie dieses Festival in vollen Zügen genießen. Sie kann lachen, lernen, Spaß mit den Händlern haben und bei einem herrlich kühlen Sakkara-Bier über Pailletten, Perlen und Kostüme fachsimpeln.

Die Branche ist knallhart, der Aufstieg eine Tortur. Frau muss sich einem strengen Diktat unterwerfen. Auch während des Festivals ist eiserne Disziplin gefordert. Neben dem täglichen Training in den Hotelfluren begleitet von blecherner Smart-Phone-Musik, beinhaltet das auch, außer dem Frühstück, nichts zu essen. Und während Tanja und ich uns täglich ägyptischen Gaumenfreuden hingeben, bei dem uns der Sommelier, der Chef de rang, der Maître d'hôtel wie ägyptische Prinzessinnen behandeln, und sogar der Chefkoch aus der Küche eilt um uns seine Aufwartung zu machen, klauben sich unsere Kolleginnen spärliche Kehrpakete vom Frühstücksbüffet zusammen. Ein Stückchen Obst, ein Scheibchen Brot, ein Krümelchen trockner Käse, das muss reichen für den ganzen Tag! Eigentlich seltsam, denn unsere weltbekannten ägyptischen Vorbilder, haben durchaus weibliche Rundungen, die sie mit Stolz präsentieren. Na jedenfalls kein Wunder, dass es eines gibt, dass man auf diesem Festival selten sieht: ein glückliches Lächeln!

Lächeln – oh ja – Perlen, Straß, Pailletten, Federn, Farbenpracht wohin das Auge reicht! Wir kommen uns vor als würden wir in einem übervollen Schmuckkästchen herumstolzieren. Welche Tänzerin kann sich der Verführung eines der wundervollen Kostüme zu kaufen schon entziehen? Wir nicht. Alle guten Vorsätze in den Wind geschrieben, lassen wir uns aufsaugen vom orientalischen Kaufrausch. In den prachtvollen Hotelfluren preisen Händler lautstark ihre Waren an, bei frischem Pfefferminztee sind wir alle „Habibi´s“ (Liebling) und „so beautiful“. Ganz besonders dann, wenn frau kettenbehängt gerade passende Ohrringe auswählen will.

Mal ehrlich, das ist überwiegend Plunder, das wissen wir; es ist die baklava-süße Stimmung, die mich zum Kauf verführt.

Wir kommen zum Geschäft von Mamdouh Morise. Da ist es! … Blau-grüne Seide! … Das ist meins! … Es passt nicht! … Aber noch bevor sich Enttäuschung in meiner Brust ausbreiten kann, blicke ich in sanfte schwarze Augen, die sich sogleich hochkonzentriert mit dem Maßband meinen Hüften widmen. Das Kostüm wird für mich passend umgeändert. Wir schlendern weiter und finden den Stand von Fawzia Mahmoud. Hier findet Tanja ihren Kostümtraum in Weiß; und ein Modell umwerfend raffiniert vom Schnitt, aber in der falschen Farbe. Auch das kein Problem, Fawzia näht es ihr in Gold. Überglücklich genießen wir einen der abendlichen Contests.

Aber natürlich sind auch wir zwei nicht nur zum Faulenzen hier. Wir haben Workshops gebucht. Neben den zwei von Leyla & Roland auch andere. Hoda Ibrahim lehrt uns eine Baladi-Choreografie. Ich staune über diese Frau, nicht weniger, wie später über Armany Farouk mit einem Ghawazee-Tanz. Da stehen selbstbewusste Ägypterinnen jenseits der 50 Jahre auf der Workshopbühne. Füllig und von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllt, das Haar unter einem Kopftuch versteckt; von diesen beiden Frauen geht eine unbeschreibliche Faszination aus. Das ist orientalischer Tanz vom Feinsten! Ja, es gibt sie noch, die großen Awalem der letzten Jahrhunderte; Frauen die alles über das Leben Wissen und alles Können. Frauen, vor dem sich jeder islamische Mann respektvoll verbeugt; hier hat sich im Tanz die Erde mit dem Leben verwurzelt. Bei allen Göttern, hier sprüht Hathor aus jeder Faser des Körpers.

Coco hingegen schwebt! Die zierliche Chinesin wirbelt zum Rhythmus der Tabla über den Tanzboden, dass Tanja und ich kaum mitkommen. Bis sie schließlich vor jede ihrer Teilnehmerinnen eine Tabla stellt. Strahlend fordert Coco uns auf, uns auf das Instrument zu stellen. Hilflos blicke ich zu Tanja, die die etwa 50cm hohe Tabla schon bestiegen hat. Auch ich probiere es und komme ziemlich wackelig zum Stehen. Hoch aufgerichtet und neugierig wartet Tanja auf die nächsten Bewegungsvorgaben.

Plötzlich ertönt eine ziemlich hysterische Stimme: „Hilfe! Ich will hier runter! Bitte jemand muss mir helfen! Ich will hier runter!“ Ich blicke panisch um mich - das ist hochdeutsch - Tanja war das nicht - im Workshop sind sonst nur Asiatinnen ... das kann nur ich gewesen sein.!

Tanja dreht sich mit samt der Tabla einmal um ihre eigene Achse und kommt vor mir zum Stehen. Sie ruft: “Wosna?“ Sie hat aber dann doch erbarmen und hilft ihrer Lehrerin von der Tabla herunter. Mein Gott, für solche Sachen bin ich einfach nicht gemacht, dass überlass ich den jungen zierlichen Mädels. Nein ich will wirklich kein „Worldwide famous Bellydance Star“ werden.

Valentina aus Italien präsentiert uns im Workshop eine fröhliche Egyptian Pop Choreografie. Wir bemühen uns die detailverliebte Lehrerin zu kopieren. Was nicht gelingen kann. So tanzt nur jemand, der eine Ballettausbildung hat. Aber sie gibt uns Inspiration und vermittelt große Freude am spielerischen Tanz.

Zur Belohnung schlendern wir erneut über die Messe, und ich finde bei Fawzia Mahmoud meinen grasgrünen Baladitraum. Hier gibt es keinen Umkleidekabinen. Ich entschwinde mit Samira, einer der Töchter, in die Damentoilette. Ich probiere das Kleid, es passt wie für mich geschneidert. Von draußen weht Musik herein. Ich wage ein paar Hüftkicks während sich meine Hände sehnsuchtsvoll meinem Spiegelbild entgegenstrecken. Samira beginnt zu klatschen und mit einem freudigen Lachen ruft sie: „Yallah, Yallah!“ Ich tanze frei von jeder Überlegung ob das nun richtig ist, ob der Stil zur Musik passt, ob, ob, ob …das bringt einfach pure Freude!!! Eine kleine Gruppe von Frauen hat sich um mich gescharrt. Sie feuern mich an. Schließlich drückt mich Samira an sich und küsst mich herzlich auf die Wange. Ich bin so glücklich, dass mir die Tränen in die Augen schießen.

Der letzte Abend in Kairo. Bei der Closing Gala finden wir einen schönen Platz sehr nah beim Auftrittsgeschehen. Raqia Hassan strahlt uns 40jährig vom Festival-Plakat entgegen. Schade, sie hat es nicht nötig ihr Alter zu verstecken. Plötzlich kommt ein Mann zu uns und drückt uns ein Papier in die Hand und für jede Ohrringe. Verwirrt sehen wir uns an, bis wir verstehen: das ist ein Zertifikat! Nur noch unsere Namen müssen eingetragen werden. Aber Raqia hat eigenhändig unterschrieben.

Lachend wenden wir uns der Bühne zu, auf der nun alle auftreten, die noch schnell ein Video für YouTube - tanzend auf der Festivalbühne in Kairo - haben wollen. 26 Tänzerinnen stehen auf dem Programm – Gott sei Dank nicht alle mit eigenem Orchester! Diesmal spielt eines für alle. Und weil es der letzte Abend ist, ertragen wir auch den ohrenbetäubenden Lärm.

Leyla und Roland gesellen sich erneut zu uns. Unsere engelsblonde, deutsche Diva plaudert mit uns, wobei – hört man genau hin – das perfekte Hochdeutsch ein wenig Duisburger Farbe bekommt. Vielleicht ist es erholsam, bei zwei Tänzerinnen aus der Oberpfälzer Provinz zu sitzen, die sich einfach freuen dabei zu sein, ohne falschen Ehrgeiz zu entwickeln. Bei uns beiden muss frau nicht permanent Komplimente, Küsschen und „Habibis“ durch die Luft werfen.

Wir sind satt an Erfahrungen und Eindrücken. Wir sahen wunderbare Tänzerinnen, die uns viel Inspiration gegeben haben, und unsere „Erinnerungsbüchlein“ sind vollgeschrieben, mit Bewegungsabläufen die wir zu Hause ausprobieren wollen.

Kairo haben wir leider nicht gesehen. Die rund 25 Millionen Stadt ist unüberschaubar. Furcht hat uns gepackt, angesichts der Vorbereitungen zu den großen Demonstrationen am 29.06. auf dem Tahrir-Platz. Die Proteste richten sich gegen den Staatspräsidenten Mursi, ein Vertreter der Muslimbruderschaft und nun ein Jahr im Amt. Was Mubarak zuvor versäumte, hat Mursi seinem Land in einem Regierungsjahr angetan. Die Verfassung wurde in ein diktatorisches Pamphlet verwandelt, die Infrastruktur beginnt weitestgehend zusammen zu brechen: Um die vier Stunden Wartezeit für eine Tankfüllung Benzin, permanenter Stromausfall, Preissteigerungen für Lebensmittel bis zu 400%. Nein dafür haben sich im Januar 2011 nicht 1.000de auf die Straßen gewagt und Mubarak abgesetzt, und damit einen Sturm über Nordafrika entfacht, bei dem sich die Völker ihrer Diktatoren entledigen wollen.

Die Einheimischen raten uns sehr ernst vor dem 29.06. Kairo zu verlassen.

Tanja und ich schließen das Festival mit einem Badeurlaub in Hurghada ab. Genüsslich klatschen wir über die Stars und Sternchen der Szene, und unsere Missgeschicke.
So hatte Tanja die „Egyptian Mystic“ ereilt. Wir lachen herzlich als wir uns erinnern, dass ich „Alle meine Entchen“ singend vor ihrer Toilettentür stand, um unangenehme Geräusche zu übertönen. Ich weiß nicht wirklich, was sich schlimmer angehört hätte. Gott sei Dank waren wir bei dieser Albernheit allein. Oder wie ich vollkommen gedankenverloren, als wäre ich daheim am Küchentisch und nicht in einem Luxusrestaurant, nicht das Glas, sondern die Bierflasche ergriff, und mir einen kräftigen Schluck aus der Flasche gönnte.

Beim einem unserer letzten Abendessen in Hurghada trat eine Bauchtänzerin auf. Sicher, sie tanzte nicht für ein Fachpublikum, sondern für Touristen. Also so, wie letztere sich das vorstellen mit dem Bauchtanz.

Aber tun wir das nicht alle? Für ein Publikum tanzen, dass von unserer Kunst keine Ahnung hat?

Nigma vermischte alles: im zweiteiligen Cabaret-Kostüm präsentierte sie Saidi, Baladi, Ghawazee, Raqs Sharqi, Schleier und Isis-Wings ….

Sie ist ein Unterhaltungsprofi. Nigma kann richtig gut tanzen …

(Einen großen Dank an Tanja Zuleger, die mich während meiner Ägyptenreise begleitet hat, für die Korrekturen und hilfreichen Ergänzungen.)

Anmerkungen

Leider ist Leyla Jouvana am 21. Mai 2022 nach einer langen, schweren Krankheit gestorben. Sie war unter all den Stars der Szene meine Lieblingstänzerin und Vorbild.

Raqia Hassan wurde in Kairo geboren und begann im Alter von vier Jahren zu tanzen. Mit 16 Jahren trat sie der Reda-Truppe bei und wurde ein Jahr später eine der ersten Solo-Tänzerinnen der Kompanie. Im Gegensatz zu vielen ihrer Vorgänger sagt sie, dass ihre Familie sie nie vom Tanzen abgehalten hat, selbst als junger Teenager.

Anfang der 2000er Jahre gründete sie das jährliche Ahlan Wa Sahlan Festival in Ägypten, das einzige Tanzevent dieser Art im Nahen Osten. Sie produziert es weiterhin, selbst nach der ägyptischen Revolution und den zunehmenden rechtlichen und sozialen Beschränkungen des öffentlichen Tanzens in Ägypten. Madam Raqia, wie sie genannt wird, gilt durch ihr Fest und ihre weltweite Ausbildung dafür, den orientalischen Tanz in Ägypten und weltweit am Leben erhalten zu haben.

Quelle: Nationale Volkstanzkompanien in Ägypten https://suhaila.com/national-folkloric-dance-companies-in-egypt/

Bild: Raqia Hassan (links) mit Suhaila und Isabella Salimpour, Ahlan Wa Sahlan Festival, Kairo, Ägypten, Sommer 2007