Die Hamletmaschine, 1985

  • Rolle: Ophelia
  • Regie: Peter Mielke
  • Ort: Komykon-Theater Düsseldorf
  • Autor: Heiner Müller
  • Gattung: Tragödie in fünf Abschnitten
  • Uraufführung: 1979

HANDLUNG

"...Heiner Müller selbst bezeichnete die HAMLETMASCHINE als unspielbar."
"...Marie-Louisa Kobus schreibt: „Der erste Eindruck hinterläßt ein Gefühl des Nichtverstehens.“
"Heiner Müller selbst sieht seinen Text als vielfältiges Themen-Angebot an die Rezipienten, die sich aufgrund der polyphonen Textvorlage ihr Thema heraussuchen können: „Ich habe, wenn ich schreibe, immer nur das Bedürfnis, den Leuten so viel aufzupacken, daß sie nicht wissen, was sie zuerst tragen sollen, und ich glaube, das ist auch die einzige Möglichkeit. [...] Man muß jetzt möglichst viele Punkte gleichzeitig bringen, so daß die Leute in einen Wahlzwang kommen.“
"Heiner Müller selbst schlägt vor: „HAMLETMASCHINE [...] kann gelesen werden als Pamphlet gegen die mörderische Illusion, daß man in unserer Welt unschuldig bleiben kann.“

Zitiert aus: Daniel Manthey, Die "Hamletmaschine" von Heiner Müller und deren Inszenierung von Robert Wilson, Untertitel "Was der Text sagt, sagt der Text", 1999

Abschnitt 1

Talestri als Ophelia, Ralph Claß als Hamlet

Es spricht ein träumend Redender, der Hamlet war, voller Hass auf sich selbst im Besonderen und die Welt des Kalten Krieges im Allgemeinen von dem Staatsbegräbnis seines Vaters, dem er als Beobachter und schließlich als Agierender beigewohnt hat. Hamlet zerteilt die Leiche seines Vaters und verteilt sie an die hungernden Elendsgestalten, da sein Vater ein „Großer Geber von Almosen" war. „Ich stoppte den Leichenzug, stemmte den Sarg mit dem Schwert auf, dabei brach die Klinge, mit dem stumpfen Rest gelang es und verteilte den toten Erzeuger FLEISCH UND FLEISCH GESELLT SICH GERN an die umstehenden Elendsgestalten."
Mutter und Onkel, der Mörder des Vaters, sind inzwischen ein Paar. „Hamlet" schlägt ihnen vor, sich auf dem Sarg des Vaters zu vereinigen. Dann erscheint der Geist seines Vaters, den er ebenfalls verachtet. „Hier kommt das Gespenst, das mich gemacht hat, das Beil noch im Schädel. Du kannst den Hut aufbehalten, ich weiß, daß du ein Loch zuviel hast." Auch für sich selbst hat er kein gutes Wort, denn es geht weiter mit den Worten: „Ich wollte, meine Mutter hätte eins zu wenig gehabt, als du im Fleisch warst. Ich wäre mir erspart geblieben. Man sollte die Weiber zunähn, eine Welt ohne Mütter."
Hier wird „Hamlet" also vom Akteur, dem die Menschheit auf dem Höhepunkt des kalten Krieges wegen ihrer Gewalttaten verhasst ist, selbst zum Gewalttäter, auch wenn er sein Handeln zunächst im intellektuellen Diskurs mit sich selbst hinterfragt.

Abschnitt 2

Talestri als Ophelia



Im DAS EUROPA DER FRAU, lässt Müller Ophelia auftreten, die „aufgehört hat, sich zu töten" und von der Opferrolle in die Rolle der Rächerin schlüpft. Sie zertrümmert die Einrichtung des Zimmers und zerreißt die Bilder der Männer, denen sie sich hingegeben hat, danach ihr Kleid. Schließlich reißt sie sich das Herz aus der Brust und tritt „gekleidet in ihr Blut" auf die Straße.

Abschnitt 3 und 4

Im dritten Abschnitt, dem „Scherzo", treffen Hamlet und Ophelia in einer vorwiegend pantomimischen Abfolge von Aktionen aufeinander. Hamlet muss sich in der Universität der Toten dem Ballett der Toten und den toten Philosophen stellen, die ihn mit ihrem Wissen, den Büchern bewerfen. Ophelia fordert ihn auf, ihr Herz zu verspeisen, was Hamlet mit den Worten kommentiert, er wolle eine Frau sein; das ist die einzige dialogische Stelle des ganzen Textes. Diese Vorstellung wird grotesk überzogen, indem er Frauenkleider anlegt und von Ophelia eine „Hurenmaske" aufgeschminkt bekommt.

Im vierten Abschnitt "Pest in Buda Schlacht um Grönland", verlässt Hamlet endgültig die auch nur assoziative Ebene der Figur und spricht als Schauspieler und/oder Autor. „Hamlet" legt Kostüm und Maske ab und deklariert, dass er nicht Hamlet sei. „Mein Drama findet nicht mehr statt [...] Von Leuten, die mein Drama nicht interessiert für Leute, die es nichts angeht. [...] Ich spiele nicht mehr mit." Der Autor, der kein Shakespearesches Drama mehr schreiben kann, steht im Budapester Aufstand von 1956, auf den klar angespielt wird, „auf beiden Seiten der Front, zwischen den Fronten, darüber" - zerrissen zwischen Treue zur kommunistischen Utopie und Empathie mit der antistalinistischen Revolte. Anweisung: „Tritt in die Rüstung. Spaltet mit dem Beil die Köpfe von Marx Lenin Mao". Der zweite Teil „Schlacht um Grönland" wird die Figur des Hamletdarstellers gänzlich durch die des Autors und seinen Traum- und Assoziationsräume ersetzt.

Abschnitt 5

Im fünften Abschnitt beschwört Ophelia die totale Vernichtung der Welt, „ich ersticke die Welt, die ich geboren habe zwischen meinen Schenkeln", während sie von Männern in Mullbinden geschnürt wird und schließlich wieder als Unterdrückte allein auf der Bühne zurückbleibt.