Phaidras Liebe, 2003

  • Rolle: Phaidra
  • Regie: Klaus Heinritz
  • Ort: Theaterk, Hof
  • Autor: Sarah Kane
  • Gattung: Drama
  • Uraufführung: 1996

Talestri als Phaidra

Handlung

Talestri als Phaidra

Dramatis personae sind Theseus, seine Frau Phaidra, ihre Kinder Hippolytos und Strophe, ein Priester und ein Arzt. Das Stück ist unterteilt in acht Szenen, es findet statt am Königspalast des Theseus. Theseus ist im Krieg. Hippolytos ist der fernseh-, ess- und sexsüchtige Stiefsohn Phaidras, die in ihn verliebt ist. Zu seinem Geburtstag schenkt sie ihm ihre sexuelle Hingabe, die er nach einigem Zögern auch annimmt. Gleichzeitig verletzt er sie durch die Erwähnung der Tatsache, dass er ebenfalls Sex mit Strophe, seiner Stiefschwester hatte.
Phaidra begeht Suizid. In ihrem Abschiedsbrief beschuldigt sie Hippolytos der Vergewaltigung. Dieser wird daraufhin in Gewahrsam genommen und soll hingerichtet werden. Ein Arzt und ein Priester bemühen sich um sein körperliches wie geistiges Seelenheil, wobei der Priester dem attraktiven Hippolytos ebenfalls verfällt und Oralsex mit ihm hat. Am Tag der Hinrichtung kehrt Theseus in die Stadt zurück, schwört, Rache an seinem Sohn zu nehmen, vergewaltigt seine eigene Tochter Strophe, die sich wie er verkleidet hat. Theseus schlitzt ihr die Kehle auf. Nachdem er sein Opfer als Strophe erkannt hat und Hippolytos im Sterben liegt, schlitzt er sich selbst auch die Kehle auf. Hippolytos wird von der Meute, die auf seine Hinrichtung wartet, gelyncht und erlebt zum einzigen Mal in seinem Leben die Abwechslung, nach der er sich immer gesehnt hat.

Sarah Kane greift den antiken Phaidra-Mythos auf und verarbeitet ihn in extremer Form. Hippolytos wird dargestellt als abgestumpftes Objekt der Gesellschaft, die ihn schließlich hinrichten wird für das Ausleben der Werte, die sie ihm vermittelt hat. Die Liebe seiner Stiefmutter ist bis in den Tod von Verzweiflung und Aufopferung geprägt; sie erfüllt ihm schließlich durch ihren eigenen Tod die Sehnsucht nach Aufregung. Sarah Kane bleibt also ihrer Thematik von Liebe und deren Grenzen treu und zeigt dabei die Gewalt, Verzweiflung und Grausamkeit der Familie sowie der Gesellschaft.

Im Knast wie im Zoo: Hauptsache Theater

Der Artikel ist erschienen in der Frankenpost für Hof, 07.November 2003

Über den Theatermacher Klaus Heinritz von Wilma Sedelmeier

Ein rosafarbener Plattenbau, noch dazu sehr flach und nicht besonders geräumig. Die Fenster sind mit Plakaten zugekleistert, wie auch die Wände im Inneren, kein Zentimeter scheint da mehr durch. Im einen Zimmer herrscht großes Chaos, in allen anderen auch: Scheinwerfer, Kartons, Koffer, hier das lose Bein einer Schaufensterpuppe, dort eine alte Schreibmaschine purzeln wild durcheinander.

Mitten drin Klaus Heinritz, ein großer, hagerer Mann, mit Glatze, Ziegenbärtchen und schwarzer Lederhose, dem gerade der Kaffee über den Tisch, die weiße Schokolade und über seine Bücher rinnt. „Wissen Sie, wenn man Hof übersteht dann schafft man's auch in der Bronx", erklärt er beim Tischabwischen und bietet scherzhaft die kaffeegetränkte Süßigkeit an.

Dass hier gerade ein Intendant der Presse seinen Musentempel präsentiert, würde man nicht vermuten. Doch im „Theater K" am Hallplatz geht es weniger, vielmehr überhaupt nicht um verstaubte Klassiker und Besucher in Smokings oder Cocktailkleidern, hier ist alles irgendwie anders, anarchistischer, ebenso wie der Mann, der dahinter steht und im Moment noch einmal vor der Kaffeemaschine.

Klaus Heinritz, 49-jähriger Hofer, ist Begründer, Leiter, Regisseur und Ausstatter, eben Mädchen für alles und noch viel mehr. Vor 24 Jahren rief er in Dinslaken bei Oberhausen sein eigenes Theater ins Leben, während er an einem anderen als Regieassistent mit Spielverpflichtung fungierte. Für nichts zu schade, immer gerne auch zur Provokation bereit, tourte er in Eigenregie durch die Lande – auch als nackter Hauptdarsteller in "Architekt und Kaiser von Assyrien". So landete er bald im Bayreuther Schützenhaus, dann im Hofer Hofeck und schließlich in Moschendorf, wo er sich mit seinem „Theater K" (K wie Klappe) niederließ, in den 80-er Jahren. „Da waren viele Punks dabei, ja, das war die Zeit der Punker, das Ende der Müsliära. Wir haben viel und gut gespielt, auch Umweltstücke wie „Wasser im Eimer"."

Er zündet sich eine Zigarette an, wird auf ein mal ruhig, konkret, inmitten all diesem Durcheinander. Zuvor noch flachsend, erzählt er nun ernsthafter vom sozialen Engagement, seiner Obsession. Die Jugend- und Behindertenarbeit fließt seit jeher in sein Leben mit ein. Damals wie heute stellt er Jugendliche und geistig behinderte Menschen auf die Bühne, nimmt das eine Theater genauso wichtig wie das andere, eben das mit professionellen Schauspielern. Ob „Jim Knopf" mit der HOBS, der Hofer Behindertenszene, oder Dario Fos „Mama hat den besten Shit“ mit Sven Pippig – er wünscht sich für seine Inszenierungen ehrliche Darsteller mit der Bereitschaft, Neues über sich zu erfahren - und da gibt es für ihn keine Unterschiede. Schließlich macht es ihm genauso viel Spaß, mit Markus Hering, heute bekannter TV-Schauspieler, oder Gabi aus der Behinderten-Werkstatt zu proben: „Egal mit wem. ich will lebendiges Theater machen in einer besonderen Atmosphäre."

Auf die Frage, wie er denn zum Theater gekommen sei, antwortet er zögerlich. Die CD nebenan hängt, er überlegt kurz, ob er etwas unternehmen soll. Dann aber sprudelt es aus ihm heraus: „Meine erste Inszenierung habe ich im Bayreuther Knast gemacht, da saß ich wegen Haschisch-Konsums ein. Das war eine Revue mit ein bisschen Travestie, meine Mitinsassen haben gesungen und gespielt, ich habe Regie geführt."
Theatermachen ist für ihn also selbstverständlich. Früher ist er als Puppenspieler durch die Kindergärten gezogen, heute reizt ihn das absurde Theater, reizen ihn Autoren wie Fernando Arrabal, Eugen lonesco, Jean Genet, Samuel Beckett, aber auch Werner Schwab, Shakespeare und Moliere. Davon zeugen die - weiß Gott - unzähligen Poster und Plakate mit der nicht zu übersehenden Aufschrift „Kultur für alle" und „Verstehen“.

Seit neun Jahren ist er mit dem „Theater K" schon im Haus am Hallplatz zu Gast, im ehemaligen Gebäude des Theaters Hof. Über das hochfränkische Publikum kann er sich nicht beklagen, es sei durchaus aufgeschlossen und komme regelmäßig. „Zwar habe ich nur 50 Sitzplätze, die aber sind immer belegt." Der Bühnen- und Zuschauerraum ist wegen der Scheinwerfer im einen, den alten Kinosesseln, Stühlen und Sofas im anderen Eck als solcher auszumachen. Wie Klaus Heinritz hier Absurdes in Szene setzt, kann man sich ausmalen.

Seine aktuelle Truppe, rund zehn Akteure aus ganz Oberfranken, ist zurzeit zwar nicht richtig im Einsatz. Dafür wird fleißig geprobt, die nächste Premiere naht. Kurz vor Weihnachten steht im Galeriehaus Weinelt „Die Stadt, der Müll und der Tod" auf dem Programm, ein von Klaus Heinritz in Anlehnung an Rainer Maria Fassbinder arrangiertes Stück. Außerdem gibt es da - hin und wieder Jugendliche, die sich mit Vorliebe in seinem Keller aufhalten. „Die Jungs da unten kommen mir nicht aus, die brauchen manchmal nur einen Tritt in den Hintern, dann wollen auch die Theater machen."

Bis vor kurzem sah man Klaus Heinritz auch Affenkäfige ausmisten. Trotz seines sozialen Verdienstes musste er selbst - als Arbeitslosenhilfeempfänger - sozialen Dienst verrichten; er tat das als Tierpfleger im Hofer Zoo. Und sogar zwischen Schleiereulen und Vogelspinnen lässt ihn die Showbranche nicht los: Vor kurzem wurde von ihm als theatermachender Tierpfleger ein Porträt für,,Spiegel TV'' gedreht.

Zwischen allen Hofer Terminen pendelt er regelmäßig nach Berlin, hat dort weitere Projekte am Laufen, und ist immer überall auch auf der Suche nach neuen Schauspielern und Ideen. „Ich muss was machen, sonst würde ich schreiend durch die Stadt laufen!"
Dem Chaos will er nicht den Kampfansagen, warum auch. Er will vielmehr die Gehirne am Laufen halten oder dazu bringen. Dafür lässt er sich von nichts und niemandem unterkriegen, nicht einmal von der deutschen Justiz.